Kipppunkte sind wie eine Zeitmaschine in die Zukunft. Sie beschleunigen den Klimawandel und lassen sich, einmal angestoßen, nicht mehr umkehren. Wo wir stehen, wie viel CO2 wir noch ausstoßen dürfen und mit welchen Szenarien wir rechnen müssen, wenn wir es nicht schaffen. 

von Michael

 

Wir erreichen unser „Ziel“ früher als gedacht. 

Es ist, als ob dir jemand die Deadline nach vorne schiebt und sagt: „Doch schon morgen“ und das „dead“ absolut wörtlich meint. Im Sinne von tot eben. Der Klimawandel meint es ernst. Er ist ein unerbittlicher Prüfer, und ein Großteil der Menschen leider unmotivierte Schüler. 2019 gab es laut Global Carbon Project ein weltweites CO2-Gelage von 37 Milliarden Tonnen. Ein historischer Rekord, währenddessen der Klimawandel mit größeren Schritten vorankommt, als es selbst den Pessimisten unter den Klimaforschern lieb ist. So rechnet etwa die Weltwetterorganisation (WMO) damit, dass die globale Durchschnittstemperatur schon in fünf Jahren 1,5 °C höher sein könnte als zu vorindustriellen Zeiten. Eigentlich wurde die Marke nach vielen Klimamodellen 2040 erwartet. 

 

Warum die 1,5-Marke so wichtig ist. 

Die 1,5-°C-Marke gilt in der Wissenschaft als wichtiger Schwellenwert. Wird er erreicht, so die Befürchtung, sollen sich viele Prozesse des Klimawandels nicht mehr stoppen lassen. Auch nicht, wenn die Menschen plötzlich klimaneutral lebten. Man spricht von Kipppunkten oder Kippelementen. Diese Elemente sich nicht nur unumkehrbar, sie verstärken sich auch noch gegenseitig und katapultieren so die Erderwärmung in noch kürzerer Zeit auf ein höheres Level. Laut Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung beobachtet die Wissenschaft 16 Kippelemente auf der Erde, die sich in drei Kategorien einteilen lassen: das Schmelzen der Eiskörper, die Veränderungen in der Zirkulation von Ozean und Atmosphäre und die Bedrohung von Ökosystemen mit weltweiter Tragweite, zum Beispiel die Regenwälder.

 

Klimawandel-Kipppunkte kurz erklärt.

Anhand der Arktis lässt sich erklären, warum die Kipppunkte die Wissenschaft so nervös machen, und wir es auch sein müssten. In der Arktis schmilzt das Eis besonders schnell und legt Gesteins- und Meeresoberflächen frei, die die Wärme der Sonne besser aufnehmen. Die lokale Temperatur steigt und bringt das Eis noch schneller zum Schmelzen. Ein ständiger Kreislauf. Laut einem Sonderbericht des Weltklimarats IPCC sind in der Arktis in den letzten 50 Jahren rund 2,5 Millionen Quadratkilometer Schneefläche verloren gegangen. Laut Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) erwärmt sich die Arktis doppelt so schnell wie der Rest der Erde. Bis zum Ende des Jahrhunderts rechnet die Wissenschaft dort mit eisfreien Sommern.

 

Wohin mit dem Eis?

Das große Tauen bringt den nächsten Kipppunkt ins Wanken. Denn das geschmolzene Eis muss ja irgendwo hin. Es löst sich wie ein großer Eiswürfel im Meer auf, lässt den Meeresspiegel steigen, bedroht die maritimen Ökosysteme und schwächt die Zirkulation der Ozeane. Dieses Förderband bestimmt mit, wer ein mildes, wer ein raues Klima auf der Erde abbekommt. Wird das Verhältnis von warmem und kaltem Wasser gestört, darf sich Afrika auf noch mehr Dürren einstellen, das Amazonas-Becken auf Trockenheit und Europa wird bitter lernen müssen, was ein Hurricane ist. Laut PIK ist der Golfstrom, der für unser mildes Klima in Mitteleuropa sorgt, bereits um 15 % abgeschwächt. 

 

Die Welt hat ein Problem unterm Teppich.

Gleichzeitig reagiert auch der arktische Permafrostboden auf lokale Erderwärmung. Hier ist ein weiterer Kipppunkt vergraben und er reagiert besonders empfindlich auf den Klimawandel. Taut er, setzt er Treibhausgase frei. Und wie. Eine Forschergruppe um Timothy M. Lenton vermutet im Permafrostboden rund 100 Milliarden Tonnen Treibhausgase.  Auch hier verstärkt das eine Problem das andere. Sobald die Mikroben im Boden die Kohlestoffverbindungen im großen Stil zersetzen, wird’s warm unter der Erde, wodurch sich wiederum der Tauprozess der Permafrostböden beschleunigt. Besonders gefährlich ist dabei das ausströmende Methan. Auf 100 Jahre gerechnet soll Methan rund 25-mal klimaschädlicher sein als CO2. In den Wäldern des Amazonas und im hohen Norden vermuten die Wissenschaftler weitere 200 Milliarden Tonnen Treibhausgase.

 

In Sibirien ist das Tauen jetzt schon ein riesiges Problem. 

Die Folgen des großen Tauens kriegen wir jetzt schon ab. Seit Januar 2020 ist es in Sibirien 5 bis 7 Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Aufgrund der Schmelze sind Öl- und Gasleitungen zusammengebrochen. Das ausgelaufene Öl könnte auch eine Ursache der Waldbrände sein, die Sibirien gerade das Leben zur Hölle macht. Nach einem Bericht der Tagesschau sollen die Brände allein im Juni 2020 rund 59 Millionen Tonnendioxid freigesetzt haben. Das ist so viel, wie ganz Norwegen im Jahr an Klimagasen produziert. Die Methanmengen, die dem Permafrostboden entweichen, lassen sich kaum schätzen, dafür die Fläche die brennt. Sie soll so groß wie Zypern sein. 

 

Der Regenwald. 

Auch bei anderen Kipppunkten muss man kein Wissenschaftler sein, um sie wahrzunehmen. Nachrichten reichen. Laut dem Wissenschaftsmagazin Nature wurden seit 1970 rund 17 % der Regenwälder zerstört, das Great Barrier Reef ist bereits zur Hälfte verloren. Bei einem Temperaturanstieg von 2 °C wird es wohl komplett verschwinden.

So viel CO2 dürfen wir noch ausstoßen. 

Wenn wir das 1,5-Grad-Ziel noch irgendwie schaffen wollen, darf die Menschheit noch rund 480 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen, oder genauer: dann hat sie eine Fifty-Fifty-Chance. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Joeri Rogelj et al., die ebenfalls im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde. Wie lang haben wir dann noch? Laut Global Carbon Project lag der weltweite CO2-Ausstoß 2019 bei 37 Milliarden Tonnen. Blieb die Welt auf diesem Niveau wäre also in rund 13,5 Jahren das 1,5-Grad-Ziel für immer verloren. Das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) berechnet, dass die weltweiten Treibhausgasemissionen jedes Jahr um 6 % sinken müssten, um das 1,5-Niveau zu halten. Aber, und das ist das Problem: Die Kipppunkte sind dabei noch nicht einkalkuliert. Und deshalb rechnet die Weltwetterorganisation WMO schon mit einer Zielerreichung in fünf Jahren. 

 

Klimazustände: Wir schaffen das?

Immer noch ambitioniert: eine Erderwärmung von 2 °C bis 3 °C. 

Eine Studie von Will Steffen et al., die im Magazin PNAS der National Academy of Sciences erschien, hält es sogar für ambitioniert, die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 2 °C bis 3 °C zu begrenzen. Bei einem Temperaturanstieg auf diesem Niveau sähe es dann aus wie zuletzt im mittleren Pliozän vor rund 3 bis 4 Millionen Jahren. Damals herrschten ähnliche Bedingungen wie heute, die Konstellation der Kontinente war die gleiche, ebenso die CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Mit der jetzigen Schmelze der weltweiten Eiskörper bewegt sich auch der Meeresspiegel zurück in die Vergangenheit. Damals lag er 10 bis 22 Meter höher als heute.

 

Darauf läuft es am ehesten hinaus: 4 bis 5 Grad. 

Aber schlimmer geht’s natürlich immer. Der Zustand, mit dem viele Forscher wie Will Steffen und seine Kolleg*innen rechnen, ist eher vergleichbar mit dem Mittleren Miozän vor 15 bis 17 Millionen Jahren. Damals lag der Meeresspiegel 10 bis 60 Meter über dem heutigen. In diesem Szenario gibt es keine Umweltkatastrophen mehr, sie sind endgültig der Normalzustand.

 

Der schlimmste Kipppunkt von allen. 

It’s not dark yet (but it’s getting there), heißt ein Lied von Bob Dylan. Und so muss man es auch mit dem Klimawandel sehen. Dass sich unser Planet schneller verändert, als es die Fauna verkraften kann, ist abgemacht. Die Wissenschaft sagt aber auch klar, dass es Spielräume gibt, die Prozesse der Kippelemente zu verlangsamen. Und sie sagt, dass man dies mit einer Senkung der CO2-Emissionen erreichen kann. Der Schlimmste Kipppunkt wäre Aufgeben. Wir haben dieses Jahr alle bewiesen, dass wir Klimaschutz können. Selbst der größte Griesgram, der sonst nicht viel von Klimaschützern hält, war einer, wenn auch unfreiwillig. Gemeinsam hat die Welt dabei 17 % weniger CO2 ausgestoßen als im Vorjahr, wie eine Studie von Corinne Le Quéré et al ergab. Wir müssen dieses Corona-Momentum mitnehmen: Dass eine Veränderung eben nicht das Ende der Welt ist, aber Nichtstun uns ihm weit näherbringt. Was wir für unsere vielleicht letzte Chance tun können: 

1. Politiker*innen wählen, die den Klimaschutz zur Chefsache machen. Denn, ob es mit dem Planeten gerade auf- oder abgeht, ist auch immer eine Folge von politischen Entscheidungen. 

2. Wir brauchen eine Wirtschaft, die den Menschen und der Umwelt hilft. Eine, in der ausbeuterisches Benehmen nicht belohnt wird, auch nicht von uns als Konsumenten. Da sind wir genauso in der Pflicht. Es gibt immer mehr Unternehmen, die sich einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft verschreiben. Du findest sie zum Beispiel auf unserer Social-Business-Landkarte.

3. Wir dürfen uns als Privatmenschen nicht aus der Verantwortung ziehen. Wir müssen hinterfragen, wie Güter gefertigt werden und uns selbst fragen, was wir wirklich brauchen. 

4. Wir dürfen uns als Gleichgesinnte für eine bessere Zukunft im Internet nicht gegenseitig fertigmachen, wenn beim Klimaschutz unterschiedliche Prioritäten gesetzt werden. Der eine kennt sich mit Ernährung aus, ein anderer mit Mobilität. Man kann nicht alles auf einmal umsetzen, aber schrittweise immer mehr. Gemeinsam können wir uns ergänzen und voneinander lernen. Schuldgefühle sind jedoch ein schlechter Motivator. 

5. Der Wechsel zu Ökoenergie ist und bleibt für der einfachste Weg das Klima auf die Schnelle zu schützen. Klar, dass wir das als Energieversorger sagen, aber es stimmt. So ein Wechsel ist in wenigen Minuten erledigt, kann jedoch den eigenen CO2-Fußabdruck im besten Fall um ein Fünftel reduzieren. Im nächsten Link erfährst du die direkte Wirkung deiner Bestellung. Sie ist stark. 

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