I am with Greta Plakat auf Fahrrad

Für den Klimaschutz anketten, blockieren und protestieren? Oder zusammensetzen und reden? Wir brauchen natürlich alles. Aber wie geht das am überzeugendsten? Wir haben uns auf die Suche nach der "richtigen" Strategie des Klimaaktivismus gemacht – wenn es die überhaupt gibt.

von Michael

Homer Simpson hätte es nicht besser hinbekommen: Zur EM 2021 flog ein Aktivist mit einem Gleitschirm über das Münchner Stadion, um einen Ball mit der Aufschrift „Kick Out Oil“ aufs Spielfeld zu werfen. Die Idee: eine Message an den EM-Sponsor VW, damit dieser schneller aus der Produktion von Benzin- und Dieselautos aussteigt. Wäre die Aktion erfolgreich gewesen, hätte man vor so viel Mut wirklich Respekt haben können. Aber der Unglückliche hat den Ball nicht reingemacht. Er verhedderte sich mit seinem Schirm an einem Drahtseil, eierte durch die Luft und verletzte auf seinem Sturzflug zwei Zuschauer. Autsch.


Kampf um Aufmerksamkeit vs. Gemeinschafts-Aktion.

Über dem Stadion hing ein Fragezeichen, und wenn der Auftritt auch gleich eine Batterie an Fragen aufwirft, lautet eine besonders wichtige: Geht es immer noch darum, mit einer waghalsigen Aktion auf den Klimawandel aufmerksam zu machen? Oder darum, zügig eine gesellschaftliche Mehrheit für eine konsequentere Klimapolitik zu finden? Für die große Mehrheit der Deutschen ist der Klimaschutz laut der Umweltbewusstseinsstudie der Bundesregierung eines der wichtigsten Themen, wenn nicht das wichtigste. Und spätestens 2021 hat sich der Klimawandel ohnehin ins kollektive Bewusstsein gespült. Wie kann man die Menschen also für noch mehr Klimaschutz gewinnen?

Wie Klimaschutz das Glück beeinflusst

1. Die Zielgruppe definieren.

Die erste Regel lautet: Lass Leute nicht als Deppen dastehen, die du vielleicht längst auf deiner Seite hast. Das Gleitschirm-Fiasko ist ein gutes Beispiel dafür. Wer weiß, wie viele Menschen am Bildschirm (oder im Stadion) Greenpeace gut finden, längst ein Elektroauto fahren, Ökostrom nutzen oder ihren eigenen Strom mit einer Solaranlage erzeugen – und trotzdem Fußball sehen möchten. Wer das Klima schützt, zuckt mit den Achseln, und wer den Klimawandel verharmlost oder gar leugnet, sieht sich in seinem Weltbild bestätigt, dass nicht der Klimawandel gefährlich ist, sondern die Menschen, die ihn bekämpfen. Ziviler Ungehorsam ist manchmal zwingend. Aber er muss so zielgerichtet sein, dass er Unterstützer:innen und Gegner:innen nicht gleichermaßen bestraft. 

Eine Niederlage verkraften.

Um gleich eine Klarstellung hinterherzuschieben: Wer doch einmal von ihrer:seiner Lieblingsumwelt- oder Klimaschutzorganisation enttäuscht ist, sollte nicht nachtragend sein. Ohne sie wäre der Klima- und Umweltschutz nicht dort, wo er ist und der Öffentlichkeit viele Missstände verborgen geblieben. Einer Organisation, die man unterstützt, beim Scheitern zuzusehen, ist wie eine Niederlage der Lieblingsfußballmannschaft. Klimaschutzorganisationen und -gruppen werden von vielen Menschen getragen, die wichtige Arbeit leisten. Man sollte ihnen nicht gleich den Rücken kehren. Jeder verpatzten Aktion gehen vielleicht zehn voraus, die gut und richtig waren. 

2. Den Moment finden.

Damit Klima-Aktivismus erfolgreich sein kann, muss der Moment passen. Der denkbar schlechteste Moment, um Menschen für ein Anliegen zu gewinnen? Wenn sie Fußball schauen. Denen kannst du nicht einfach vor die Linse fliegen und hoffen, dass dein Anliegen gerade wichtiger ist. Dass man den kommerziellen Fußball an sich verteufeln kann, ist wieder eine andere Geschichte. So oder so: Überraschung kann sinnvoll sein, aber auch riskant. Oft ist es besser zu überlegen, wann Leute den Kopf frei haben für eine andere Sache oder sich leicht(er) stören lassen.

3. Verantwortung statt Schuld ansprechen.

Wer selbst sein Verhalten ändert – aus eigener Verantwortung heraus – fühlt sich stark und ist stolz auf das eigene Handeln. Wer als Schuldige:r angeprangert wird, blockiert, und der Standpunkt verhärtet sich. Niemand will sein Leben falsch gelebt haben. Diese Dissonanz lösen viele Menschen negativ auf. Das heißt, sie betonen zum Beispiel nur die schlechten Aspekte von E-Autos, nur die Probleme der Energiewende, nur die Nachteile eines angepassten Konsumverhaltens, um sich nicht mit ihrer eigenen Verantwortung auseinandersetzen zu müssen. Oft hilft es hervorzuheben, was man ab jetzt alles verändern kann und wie großartig das ist, diese Möglichkeit zu haben. Wichtig ist, dass wir eine Lösung finden, die alle mitnimmt. Mit großen Unternehmen muss man natürlich anders umgehen. Wenn du die nicht ab und zu mit dem Zeigefinger aus der Reserve lockst, passiert erfahrungsgemäß wenig bis gar nichts.

11 Tipps für eine grüne Lieferkette

Apropos Verantwortung: Deutschland ist laut co2online im Ranking der größten CO2-Verursacher auf Platz 6. Auch der CO2-Verbrauch pro Kopf ist besonders hoch. Er liegt laut Umweltbundesamt aktuell bei 11,17 Tonnen im Jahr. Auch deshalb stehen wir besonders in der Pflicht, das Klima zu schützen. 

4. Gewinn statt Verlust betonen. 

Manche Menschen haben Angst vorm Klimaschutz. Angst, dass sie bald nichts mehr dürfen. Wenn der Vorschlag einer Lastenradförderung im Raum steht, hören sie: Du musst ab jetzt Lastenfahrrad fahren. Stimmt natürlich nicht. Aber Klimaschutz verliert oft Unterstützer:innen, wenn Veränderung mit Verzicht gleichgesetzt wird. Ist ja auch irgendwie klar. Stell dir vor, der Klimaschutz hinge am Fußball. Und jemand sagt dir: Nie wieder Fußball! Da gäbe es natürlich eine große Gruppe, die könnte man nicht glücklicher machen. Aber die Mehrheit wäre frustriert und stocksauer. Sie würde ihre Leidenschaft mit allen Mitteln verteidigen und nur mit positiven Fakten zur Rettung des Fußballs ankommen, auch wenn sie noch so hanebüchen sind. Was vermutlich wohl jeder Fußballfan unterschreiben würde, ist, dass der Sport ebenso wie die Umwelt sauberer werden muss. Dass die Gier, Korruption und Diskriminierung aufhören müssen. Nichts anderes macht der Klimaschutz. Er will eine alte, schädliche Macht der Gewohnheit durch eine neue, bessere Gewohnheit ersetzen.

Mit diesen Tipps funktioniert's

5. Gemeinsam statt einsam.

Auch unter Klimaschützer:innen gibt es konkurrierende Gruppen. Sie stimmen zu 99 % in ihren Überzeugungen überein und grenzen sich wegen 1 % voneinander ab. Natürlich darf man wie im Fußball die andere Mannschaft auch mal blöd finden. Aber ginge es darum, gemeinsam den Fußball an sich zu retten, es wäre allen ziemlich egal, wer welches Trikot anhat (naja, fast). Es gibt ein Ziel: die Klimaerwärmung auf kleiner Flamme zu halten – und dafür muss man so viele Unterstützer:innen zusammenbringen, wie’s geht.

Bis jetzt konnte das keine Bewegung so gut wie Fridays For Future. Anstatt sich abzuschotten und das eigene Ding zu drehen, hat sich die Gruppe mit vielen Akteur:innen vernetzt. Schüler:innen haben mit Wissenschaftler:innen zusammengearbeitet und waren praktisch das Sprachrohr für die Fakten, die die Forschung seit Jahrzehnten nicht erfolgreich in der Öffentlichkeit platzieren kann. Statt nur zu boykottieren, spricht die Gruppe mit der Politik und Wirtschaft. Und das mit harten, klaren Worten. Hinzu kommt eine einfache Message: Schulstreik fürs Klima. Der Unterricht wird freitags so lange bestreikt, bis die Politik alle Maßnahmen ergreift, die nötig sind, um die Treibhausgasemissionen bis 2035 auf netto null zu bekommen. Die Taktik ist erfolgreich. Das EU-Klimagesetz ist sicherlich auch ein Verdienst von Fridays For Future. 

Streike fürs Klima.

Der nächste globale Klimastreik ist am 24. September 2021. Auf der Website von Fridays For Future findest du viele Materialien für deinen Protest: Plakate, mit Unterschriftenformulare, Bierdeckel und vieles mehr. Dort bekommst du auch alle Infos, wie du dich in lokale Gruppen einbringst und Veranstaltungen mitorganisierst.

6. Seriös bleiben.

Wie gut ist deine Laune, wenn dir jemand sagt: Lach doch mal!? Vermutlich im Keller. Auch bei Klima- und Umweltschutzthemen sinkt meist die Anteilnahme, je lauter jemand sein Anliegen formuliert. Man kennt es von seinen Social-Media-Feeds. Unterschreibe jetzt und rette diesem Eisbären das Leben!!!! Es ist wie bei einem Krankenwagen. Er rettet Leben. Du hältst dir aber trotzdem die Ohren zu, wenn er vorbeifährt. Anschreien wirkt fast immer unseriös – und wenn das Thema noch so wichtig ist. Wobei: Man kann's ja mal ausprobieren.

ACHTUNG!! BERECHNE DEINEN TARIF!!!!1!!1

7. Wirklich handeln.

Fußball, Pandemien und Klimaschutz haben gemeinsam: jede:r versteht sich als Expert:in. Jede:r meint, er hätte den Ball reinbekommen (zumindest von oben in ein Stadion). Aber wie bei allen Themen ist Reden etwas anderes als Handeln. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, selbst Klimaaktivist:in zu werden.

Online-Petitionen.

Eine einfache Möglichkeit ist die Online-Petition. Klar, die Fülle an Petitionen, die täglich in die Timeline schwappt, lässt einen abstumpfen. Man kann sich auch nicht in alles reinlesen, was einem entfernte Verwandte und Facebook-Bekannte so zukommen lassen. Allein bei change.org gibt es pro Monat rund 1.000 Online-Petitionen. Und dann haftet den Online-Petitionen auch noch der Ruf an, nicht wirklich etwas zu bewirken. Aber das stimmt so nicht. Eine politische Entscheidung kann man vielleicht noch nicht herbeiklicken. Aber als Teil einer Kampagne können Online-Petitionen durchaus etwas bewirken. Sie bringen ein Thema ins Bewusstsein der Menschen, dann auf die Agenda der Medien und am Ende vielleicht auf den Tisch der Politik. Die Petition zum Erhalt des Hambacher Forstes ist ein gutes Beispiel. Sie hat dem Protest viel Rückenwind gegeben. Vor allem, weil sich viele glaubwürdige Organisationen hinter der Petition zusammengeschlossen haben. Petitionen sind auch sinnvoll, um auf Missstände aufmerksam zu machen, die man nicht für möglich hält. Wer denkt zum Beispiel an die acht Dörfer, die bis zum endgültigen Kohleausstieg noch schnell für den Kohletagebau plattgemacht werden sollen? Eben. Hier kannst du ein Dorf mit einer Petition retten.

Die richtige Plattform.

Private Petitionsplattformen wie change.org, Avaaz oder openPetition sind sinnvoll, wenn du auf Problem aufmerksam machen möchtest oder Verantwortliche direkte herausfordern möchtest. Wenn es dir eher darum geht, ein Gesetz oder eine politische Entscheidung anzugreifen, kannst du direkt das Petitionsportal  des Bundestags nutzen.  Die Mühlen mahlen langsam, aber irgendwann muss die Politik sogar antworten. 

Voller Körpereinsatz. 

Online-Aktivismus alleine reicht natürlich nicht. Ein Dorf, das dem Kohletagebau weichen soll, kann man Spitz auf Knopf nur noch mit dem eigenen Leib schützen. Auch vom Hambi wäre vermutlich nicht mehr viel übrig, hätten sich nicht viele tolle Menschen mutig, Baggern und Kettensägen entgegengestellt. Solche Aktionen bleiben wichtig. Denn die Energiewende ist zwar abgemacht, aber noch lange nicht geschafft. Diese Tatsache nutzen viele Kohlekonzerne, um bis zum offiziellen Kohleausstieg von 2038 noch schnell ein paar Last-Minute-Aktionen zu starten. So will etwa der Kohlekonzern RWE ab 1. Oktober 2021 in Lüzerath Häuser abreißen, um noch mehr Platz für den Tagebau zu schaffen. Wenn die acht Dörfer verschwinden, verlieren auch rund 1.500 Menschen ihr Zuhause. In solchen Fällen kann man die Bagger wirklich nur noch mit eigenem Körpereinsatz fernhalten; bis hoffentlich alle sehen, was hier für eine Ungerechtigkeit geschieht. Wenn du auch nicht willst, dass kurz vorm Kohleausstieg Dörfer verschwinden, schau mal bei Alle Dörfer bleiben vorbei. Du erfährst die nächsten Termine zum Demonstrieren. Aber achte auch auf dich selbst. Protestieren geht wirklich an die Substanz. 

Alltagsentscheidungen.

Konsum ist kein Aktivismus. Trotzdem kann Aktivismus nur fruchten, wenn man seine eigenen Forderungen im Alltag mit Leben füllt.  Beim Essen, Kleiden, Fahren, Wohnen, Arbeiten – in jedem Bereich gibt es Möglichkeiten, CO2 zu senken und eine bessere Wirtschaft zu unterstützen. Der schnellste und einfachste Weg etwas zu verändern, ist der Wechsel zu Ökoenergie. Im Idealfall kann er deinen CO2-Fußabdruck schon um bis zu einem Viertel senken. Wenn du weitere Anlaufstellen suchst: Auf unserer Social-Business-Landkarte findest du gemeinwohlorientierte Unternehmen wie Polarstern. Und vergiss nicht zu wählen. Die Bundestagswahl gibt es nur alle vier Jahre. In Zeiten des beschleunigten Klimawandels ist das eine Ewigkeit. Wählen wir den Klimaschutz! 

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