Unser Essen – Vom Feld in die Tonne? | Polarstern
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Unser Essen – Vom Feld in die Tonne?

Ich zitiere ja äußerst ungern den Papst. „Frischer Wind“ im Vatikan klingt für mich irgendwie nach Bio bei BP. Aber neulich hat er etwas gesagt – nein, getwittert, man höre und staune, – das ich sofort unterschreiben würde, nämlich: 

„Der Konsumismus hat uns an Verschwendung gewöhnt. Das Wegwerfen von Nahrung kommt aber einem Diebstahl an den Armen und Hungrigen gleich.“ 

Ich weiß nicht, warum ihm das erst um 2 Uhr nachts eingefallen ist (der Pontifex twittert mysteriöserweise nachts), aber er hat einen Punkt. Die UN schätzt, dass weltweit 1,3 Milliarden Tonnen Nahrung auf dem Müll landen, während 868 Millionen Menschen hungern. Die Hälfte der produzierten Nahrung wird weggeworfen. Wir, also wir Deutsche, werfen jeder 82 Kilo Essen im Jahr weg. Im Haushalt wie in der Industrie, im Restaurant wie in der Produktion. Geschuldet ist das, so sagt man, Qualitätsnormen, die wir uns selbst schaffen, der Preisstabilität, und der Nachfrage. Aber muss das so sein? Und was können wir gegen Lebensmittelverschwendung tun?

Lebensmittelverschwendung

Lebensmittelverschwendung zu Hause

Wie beim Strom macht es Sinn zuerst vor der eigenen Haustüre zu kehren. 60% der 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verlieren wir (nehmen wir Europa als Beispiel) in Privathaushalten: Ca. 6-12% des Hausmülls sind Lebensmittel. Davon wären laut Felicitas Schneider vom Wiener Institut für Waste Management 47% noch genießbar. So schwierig es ist, exakte Zahlen zu messen, die Tendenz ist klar: Originale oder teilweise verbrauchte Lebensmittel werden, bevor sie schlecht werden, entsorgt. Weil wir sie in dem Moment schlicht nicht brauchen. Viel hängt auch damit zusammen, dass wir bestimmte Lebensmittel falsch lagern. Wie das besser geht, steht weiter unten. 

Lebensmittelverschwendung in der Produktion 

Das meiste an Nahrung geht jedoch schon weit vor dem Hausmüll verloren, nämlich in der Produktion, auf Kartoffelfeldern, wo die Kartoffeln nicht rund genug sind, wo Karotten mehrköpfig sind, oder wo auf Gurkenplantagen alles viel zu krumm ist und überhaupt… Die „Initiative gegen Lebensmittelverschwendung“ behauptet, dass jeder zweite Salat, jede zweite Kartoffel aussortiert wird und spricht weitere verschwendete Ressourcen für Transport und Verarbeitung an: Wasser, Energie und Arbeitskraft. Beim Transport verlieren wir übrigens noch einmal einen Haufen Lebensmittel, und dann wird vor Ort erneut aussortiert, bis die Ware geputzt und poliert in den Regalen liegt. Und am Ende kommt es nicht selten vor, dass Lebensmittel wie Bohnen aus Kenia dann 10.000 km nördlich in einem Pariser Mülleimer landen. Aber wir haben dann 100 verschiedene Joghurts in einem Regal. Um das auf die Spitze zu treiben, hat BILLA in Österreich den Service geleistet, Bananen zu schälen und in Plastik einzupacken. Diese Services zahlen am Ende wir. 

Lebensmittelverschwendung Lebensmittel

Restaurants 2.0 - Vorsorge gegen Lebensmittelverschwendung in der Gastronomie 

In Restaurants ist es nicht anders. Ein Brauer aus einer bayerischen Wirtschaft fasst die Problematik so zusammen: „De Augen san hoid größer ois da Magen bei manche Leut.“ Oft wird nicht aufgegessen, das dann weggeworfen, woraufhin sich ein paar Gastwirte auf flexiblere Portionen in ihrem Restaurant eingelassen haben: In vielen Gaststätten kann man heute auch halbe Portionen bestellen oder auch ein wenig mehr. Ein Trend geht ja auch dahin, dass Restaurants mehr auf Bio und regionale Versorgung setzen, gleichzeitig weniger Gerichte anbieten, saisonal angepasst, diese aber umso liebevoller und frischer zubereiten. So entstünden mehr Nischen im Gastgewerbe, weniger Konkurrenz, mehr Nachhaltigkeit und in Kombination mit den flexiblen Portionen in meinen Augen eine Art Restaurant 2.0. So lässt sich die Lebensmittelverschwendung auch beim Restaurantbesuch vermeiden. Vielleicht kann man irgendwann im Lieblingsrestaurant anrufen und ganz personalisierte Dinner bestellen, wer weiß. 

Gegen Lebensmittelverschwendung im Supermarkt - ’Best Before’ vs. Haltbarkeitsdatum

Ich finde das Wort „Haltbarkeitsdatum“ ist abgelaufen. Ganz einfach, weil es nicht ganz richtig ist. Richtiger ist „mindestens haltbar bis“, verbreitet aber auch noch Unbehagen unter den Konsumenten. Also ich zumindest bekomme da immer ein bisschen Angst: Was, wenn am Tag des Ablaufens wirklich etwas anfängt zu laufen? Am besten gefällt mir die englische Variante „best before“. Nicht, weil sie so schönmalerisch formuliert ist, sondern weil dieses Datum nicht prophezeierisch angibt, wann etwas nicht mehr haltbar sein wird, oder ab wann man seinem Schimmel-Schicksal selbst überlassen ist. Stattdessen sagt sie bis wann es seine beste Qualität hält. Und die brauchen wir ja im Zweifelsfall nicht. Besser ist zudem Geschmackssache, denn manche Früchte zum Beispiel (Früchte und Gemüse schmeißen wir am häufigsten weg) werden nach ihrem „Ablaufdatum“ süßer. Gut für Sommer-Smoothies oder Desserts. Das ist auch keine Gratwanderung, denn eine abgelaufene Frucht erkennt man auch ohne Blick aufs Etikett. 

Alternative Ansätze gegen Lebensmittelverschwenung: Tafeln, Food Sharing, Containern

Also, dass man nicht seine ganze Ware irgendwann zur Abholung auf die Straße stellen kann als Supermarkt, verstehe ich vollkommen. Aber dass man Lebensmittel systematisch vernichtet, um dem Markt nicht zu schaden, das ist mir unerklärlich. Es gibt so viele Tafeln, so viele soziale Verbände und Initiativen, mit denen die Kooperation ausgebaut werden müsste, da ist Vernichtung ein No-Go. Ein Phänomen, das immer mehr Zuwachs erfährt ist auch das „Containern“. In Deutschland auf mehrere Arten und Weisen illegal hält es trotzdem nicht viele davon ab, noch genießbare Lebensmittel aus den Mülleimern der Märkte zu fischen. Die legale Variante ist Food-Sharing. Wer zum Beispiel kurz vor den Sommerferien noch Muffin-Back-Orgien gefeiert hatte, jetzt aber nicht weiß wohin damit – ab auf foodsharing.de, dort findet sich sicher jemand. Und sollte man irgendwann am Sonntag keine Milch mehr haben oder sollte eine Zitrone zum perfekten Dinner fehlen, kann man sich den Gefallen wieder zurück tun lassen. 

Kartoffelkombinat – das Unternehmen gegen Lebensmittelverschwendung

Das Kartoffelkombinat in München hat es sich zum Ziel gemacht, Menschen mit leckeren Dingen satt zu machen, egal wie sie aussehen. Und dadurch auch die Schönheit des „Anderen“ neu zu entdecken. Quasi eine revolutionäre Égalité aller Gemüse und Obste. Gendern für Avocados jeder Ethnie, Minderheitenschutz und Diskriminierungsprävention für Gurken jeden Ausmaßes und jeder Religion. Sehr politisch das. Und äußerst zu empfehlen auch. Erinnert mich sehr an Slowfood.

Lebensmittel vom Feld

What to do? Handlungsempfehlungen für nachhaltiges Nichtwegwerfen

Vor ein paar Jahrzehnten haben wir bis zu 85% unseres Einkommens in Lebensmittel investiert. Heute sind es ca. 10%. Dabei sollten wir eigentlich ein wenig mehr für unser Essen zahlen, um so nicht nur das Bewusstsein für seinen Wert zurückzuholen, sondern auch Qualität und Fairness zu respektieren. Welche Schritte können wir nun gehen? Immer brav aufessen bis wir platzen? Schimmelbrot verputzen? Den abgelaufenen Joghurtbecher nach Afrika schicken? Nein, das kann es nicht sein. Aber ein Anfang wäre schon ein bewussteres Einkaufen, bewussteres Kochen, bewussteres Aufbewahren (Haltbarkeitsinformationen, richtiges Kühlschrankeinräumen). Das könnte zum Beispiel heißen: wenn möglich nicht hungrig einkaufen gehen, um der Werbung besser zu widerstehen oder Impulskäufe zu vermeiden, die dann wohl oder übel verderben. Schnäppchen müssen auch nicht zwingend gekauft werden, nur weil sie Schnäppchen sind. Der gute alte Einkaufszettel soll helfen, im Supermarkt bei dem zu bleiben, was man auch wirklich BRAUCHT. Längere Öffnungszeiten könnten ihren Beitrag dazu leisten, hektische Hamsterkäufe zu vermeiden. Oder die Einführung des offenen Sonntages. Auch wenn der Pontifex damit nicht so einverstanden wäre. In Frankreich gibt es Läden, die ausschließlich Waren anbieten, die „schon abgelaufen“ sind, also sich in diesem Grenzbereich bewegen, nur zu viel günstigeren Preisen. 

Wie die Politik auf Lebensmittelverschwendung reagiert

Janez Poto?nik, EU-Umweltkommissar aus Polen, sieht Europaweit 89 Millionen Tonnen Lebensmittelmüll jährlich. So beschloss man diese Unmenge an Weggeworfenem bis 2020 um die Hälfte zu reduzieren. Ilse Aigner, unsere Landwirtschaftsministerin, hat eine Aktion ins Leben gerufen, die folgenden selbsterklärenden Namen trägt: „Zu gut für die Tonne“. Sie sagt „wir können es uns nicht länger leisten“ so viel wegzuwerfen. Ich möchte anmerken, dass sich niemand, unabhängig davon ob er es könnte, sich das leisten sollte.  

Zum Dessert noch eine Anekdote zum Thema Lebensmittelverschwendung

Ich glaube Jakob hat mir im letzten Jahr etwas zum Thema erzählt, was mich seit dem nicht mehr verlassen hat. Er sagte ein Freund, der gerade Vater geworden war, hatte ihn etwas gefragt. Es sei so komisch, dass wir hier in Europa unsere Kids oft zwingen müssen zu essen. Spinat, Brokkoli, all das. Während in anderen Teilen der Erde nicht mal dieses Essen da ist. Vielleicht wäre das auch ein Gedankenanstoß für die nächste Nacht-Twitter-Sitzung des Papstes. Ich bin gespannt. 

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